In der polnischen Ostsee entsteht mit Baltic Power der erste Offshore-Windpark des Landes. Das Joint Venture der ORLEN-Gruppe und des kanadischen Energieunternehmens Northland Power umfasst 76 Windturbinen mit einer Gesamtkapazität von 1,2 Gigawatt. Die Anlage soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 in Betrieb gehen und rund 1,5 Millionen Haushalte mit Strom versorgen. Für Polen, das bislang zu den kohleabhängigsten Ländern der EU zählt, ist das Projekt ein zentraler Baustein der Energiewende.
Die Inbetriebnahme markiert den Beginn der kommerziellen Offshore-Windenergie in polnischen Gewässern. Jährlich soll Baltic Power rund 4.000 Gigawattstunden Strom erzeugen und dabei etwa 2,8 Millionen Tonnen CO₂ im Vergleich zu konventioneller Stromerzeugung einsparen.
76 Turbinen in der Ostsee – die Dimensionen des Projekts
Der Windpark liegt rund 23 Kilometer vor der polnischen Küste, auf Höhe der Ortschaften Łeba und Choczewo. Das Baufeld erstreckt sich über eine Fläche von etwa 130 Quadratkilometern – vergleichbar mit der Stadtfläche von Gdynia. Zum Einsatz kommen 76 Vestas-Turbinen des Typs V236-15 mit einer Leistung von jeweils 15 Megawatt. Es handelt sich laut Baltic Power um die zweitgrößte Turbineninstallation dieser Bauart in Europa. Die Gesamthöhe der Anlagen übersteigt 260 Meter. Die Rotorblätter messen jeweils rund 115 Meter und überstreichen eine Fläche von über 43.700 Quadratmetern pro Turbine – das entspricht mehr als sechs Fußballfeldern. Die Monopile-Fundamente, die in den Meeresboden getrieben werden, erreichen eine Höhe von bis zu 100 Metern bei einem Basisdurchmesser von neun Metern. Einzelne Fundamente wiegen bis zu 1.700 Tonnen. Für die Installation sind rund 15 Spezialschiffe gleichzeitig im Einsatz, darunter das Errichterschiff Wind Osprey des Unternehmens Cadeler mit einer Krankapazität von 1.600 Tonnen.
Recycling-Stahl und polnische Wertschöpfung
Baltic Power setzt in mehreren Bereichen auf technische Neuerungen und lokale Fertigung. Die Turm-Oberteile der Windkraftanlagen wurden erstmals weltweit aus recyceltem Stahl hergestellt. Damit nimmt das Projekt eine Vorreiterrolle bei der nachhaltigen Produktion von Offshore-Windkomponenten ein. Die Gondeln der Turbinen werden in der neuen Vestas-Produktionsstätte in Szczecin gefertigt, die bereits mehrere hundert Arbeitsplätze geschaffen hat. Die beiden Offshore-Umspannwerke – jeweils rund 1.300 Tonnen schwer und 20 mal 40 mal 40 Meter groß – wurden in Werften der Grupa Przemysłowa Baltic in Gdańsk und Gdynia gebaut. Laut WindEurope liegt der polnische Wertschöpfungsanteil am Gesamtprojekt bei etwa 20 Prozent. Im April 2025 wurde zudem die Betriebs- und Wartungsbasis in Łeba fertiggestellt. Die Anlage umfasst rund 1,1 Hektar und verfügt über einen Servicekai mit zwei Kränen, Lagerhallen für Ersatzteile und ein Marine-Koordinationszentrum, das im 24-Stunden-Betrieb arbeitet. Rund 60 Techniker und Servicekräfte werden dort über die geplante Betriebsdauer von 30 Jahren tätig sein.
Baltic Power in Zahlen
| Kapazität: | 1,2 GW (76 Turbinen à 15 MW) · |
| Jährliche Stromerzeugung: | ca. 4.000 GWh |
| Versorgte Haushalte: | 1,5 Millionen |
| CO₂-Einsparung: | 2,8 Mio. Tonnen pro Jahr · |
| Fläche: | 130 km² |
| Turbinenhöhe: | über 260 Meter |
| Entfernung zur Küste: | ·23 km · |
| Betreiber: | ORLEN / Northland Power · |
| Inbetriebnahme: | 2. Halbjahr 2026 |
Polens Energiewende nimmt Fahrt auf
Das Projekt steht im Kontext eines beschleunigten Wandels der polnischen Energielandschaft. Noch 2024 stammten rund 57 Prozent der polnischen Stromerzeugung aus Kohle – der höchste Anteil in der gesamten Europäischen Union. Doch der Trend ist eindeutig: 2015 lag der Kohleanteil noch bei 87 Prozent. Im Juni 2025 erzeugten erneuerbare Energien in Polen erstmals mehr Strom als Kohlekraftwerke – 44,1 Prozent gegenüber 43,7 Prozent. Die polnische Regierung verfolgt das Ziel, bis 2030 mindestens 56 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen.
Baltic Power ist dabei nur das erste von sieben geplanten Offshore-Windprojekten in der polnischen Ostsee. Die nationale Energiepolitik sieht eine installierte Offshore-Kapazität von 5,9 Gigawatt bis 2030 vor. Bereits 2025 begann mit Baltica 2, einem Gemeinschaftsprojekt von PGE und dem dänischen Unternehmen Ørsted, der Bau des zweiten polnischen Offshore-Windparks mit einer Kapazität von 1,5 Gigawatt. Der polnische Windenergie-Verband schätzt das gesamte Offshore-Potenzial der polnischen Ostsee auf 33 Gigawatt.
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Strategische Bedeutung für Europas Energiesicherheit
Premierminister Donald Tusk bezeichnete das Projekt bei einem Besuch der Servicebasis in Łeba als „Polens große Öffnung zur Ostsee“ und verwies auf die strategische Dimension der Investition. Die Unabhängigkeit von russischen Energielieferungen sei ein zentrales Anliegen der polnischen Energiepolitik. Die ORLEN-Gruppe hat angekündigt, ihre Offshore-Kapazität auf insgesamt 5,5 Gigawatt auszubauen. Das Gesamtinvestitionsprogramm des Unternehmens im Energiesektor beziffert ORLEN-Vorstandschef Ireneusz Fąfara auf bis zu 380 Milliarden Zloty. Für die Offshore-Windentwicklung hat ORLEN 3,5 Milliarden Zloty aus dem Nationalen Wiederaufbauplan gesichert. Die notwendige Übertragungsinfrastruktur ist bereits vorhanden. Der polnische Netzbetreiber PSE bestätigte Ende Dezember 2025, dass die neue Umspannstation in Choczewo und die erweiterte Station in Żarnowiec sowie die verbindende 400-kV-Leitung bereit sind, Strom von den Ostsee-Windparks ins Landesinnere zu transportieren.
