In der gotischen Turmspitze der Kathedrale der Apostel Peter und Paul in Legnica (Niederschlesien) wurde bei Restaurierungsarbeiten jüngst eine außergewöhnliche Zeitkapsel entdeckt – der vermutlich älteste Fund seiner Art weltweit. Das Paket enthält Dokumente und über drei Dutzend Münzen aus drei verschiedenen Jahrhunderten, deren ältester Bestandteil auf den 18. Juli 1650 datiert.
Fundstück mit historischem Tiefgang
Die Entdeckung erfolgte im Zuge konservatorischer Arbeiten an der Turmspitze der Kathedrale, die im Zentrum von Legnica steht. Dabei stießen Restauratoren auf eine Metalltrommel, die in die Konstruktion der Turmspitze integriert war. Bei der Öffnung offenbarte sich der spektakuläre Inhalt: mehrere sorgfältig erhaltene Dokumente auf Pergament und ein Münzsatz mit Stücken aus dem 17., 18. und frühen 19. Jahrhundert.
Historiker und Denkmalpfleger sprechen von einem global einzigartigen Fund. Der älteste enthaltene Text wurde am 18. Juli 1650 verfasst und beschreibt die Wiedererrichtung der Turmspitze nach einem verheerenden Brand, der im Jahr 1648 weite Teile der Stadt zerstört hatte.
Chronik aus Papier und Metall
Insgesamt umfasst die Zeitkapsel vier Dokumente und 35 Münzen. Der erste Eintrag stammt aus dem Jahr 1650, zwei weitere Texte wurden 1775 hinzugefügt, der letzte stammt aus dem Jahr 1823. Die Dokumente liefern Informationen über politische Verhältnisse, Bauphasen der Kathedrale und historische Ereignisse in Legnica.
Der numismatische Teil besteht aus fünf goldenen, 26 silbernen und vier kupfernen Münzen. Darunter finden sich ein Dukat von 1621, ein Taler von 1607 sowie vier Silbermünzen von August III., dem damaligen König von Polen. Spätere Einträge erinnern an die Herrschaft Friedrichs II. und Friedrich Wilhelms III. von Preußen.
Legnica überholt Boston
Nach Einschätzung des polnischen Denkmalamts handelt es sich bei dem Fund um die älteste bekannte Zeitkapsel weltweit. Frühere Entdeckungen – etwa die Bostoner Kapsel von 1795 oder das Exemplar aus dem Jahr 1876 in Philadelphia – datieren deutlich später. Die Einzigartigkeit des Legnica-Fundes liegt nicht nur in seinem Alter, sondern auch im fortlaufenden Ergänzungsprozess über mehrere Jahrhunderte.
Die Historikerin Dr. Agata Rozwadowska wies gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Sender Polskie Radio darauf hin, dass es sich bei der Kapsel um ein Zeugnis „kontinuierlicher Geschichtsdokumentation“ handelt, das einen ungewöhnlich direkten Einblick in die wechselvolle Geschichte der Region bietet.
Ein außergewöhnlicher Fundort
Die Kathedrale der Apostel Peter und Paul in Legnica wurde im 14. Jahrhundert errichtet und zählt zu den bedeutendsten gotischen Sakralbauten in Niederschlesien. Die entdeckte Zeitkapsel befand sich in der Spitze der südlichen Turmhaube, rund 60 Meter über dem Erdboden.
Freigabe für die Öffentlichkeit geplant
Die vollständige Zeitkapsel wird am 19. September 2025 im Rahmen einer öffentlichen Ausstellung in der Kathedrale präsentiert. Bereits jetzt laufen vorbereitende Maßnahmen zur fachgerechten Konservierung der empfindlichen Pergamente und Münzen. Parallel arbeiten Historiker an einer detaillierten Auswertung der Inhalte.
Die Stadtverwaltung von Legnica und das zuständige Denkmalamt planen, die Dokumente zu digitalisieren und langfristig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wie der Nachrichtensender TVN24 berichtet, wird außerdem geprüft, ob die Kapsel an ihrem ursprünglichen Ort verbleiben oder dauerhaft ausgestellt werden soll.